Wundersame Kurssprünge

Weltweit haben sich Anleger zusammengetan, um sogenannte "Shortseller" zu ärgern - und treiben so die Kurse einzelner Aktien in die Höhe.

Die Börsen bieten in diesen Tagen ein merkwürdiges, gleichermaßen faszinierendes Schauspiel: Binnen weniger Handelstage "schießen" die Aktienkurse einzelner Unternehmen in die Höhe - verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen sich; in einzelnen Fällen sogar noch viel mehr. Aktien von Unternehmen, die bis dahin nicht in Verdacht standen, Anlegers Liebling zu sein, ganz im Gegenteil - Unternehmen, deren Geschäftsmodell vielmehr unter Druck war und im Übrigen immer noch ist.

Weil besagte Geschäftsmodelle mitunter anfällig erscheinen, haben die Unternehmen in der Vergangenheit sogenannte "Shortseller" angezogen. Investoren, die auf fallende Aktienkurse setzen und ebendiese Aktien "leer verkaufen".

Dann hat der "Verkäufer" ein Problem

Leer verkaufen bedeutet, sich Aktien von anderen Investoren zu leihen (letztere lassen sich die Leihe ordentlich bezahlen!) und in der Erwartung zu verkaufen, sich kurze Zeit später deutlich günstiger damit eindecken zu können - weil die Kurse aus nachvollziehbaren Gründen gefallen sind; weil das betroffene Unternehmen, zumindest aus der Sicht des Leerverkäufers, in Schwierigkeiten steckt. Die Differenz zwischen dem Verkaufspreis der geliehenen Aktie und dem späteren Rückkaufskurs ist der Gewinn, so der Kurs denn wie erwartet fällt. Der eine oder andere Hedgefonds arbeitet so, zuweilen sehr erfolgreich.

Aber was ist, wenn der Kurs nicht fällt, sondern wider Erwarten steigt, sogar deutlich steigt? Dann hat der Leerverkäufer ein Problem, denn er muss Aktien, die ihm nicht gehören, sondern die er nur geliehen und längst verkauft hat, zurückkaufen und -geben. Und wenn der Kurs in der Zwischenzeit nicht gefallen, sondern deutlich gestiegen ist, wird es teuer für den Leerverkäufer.

Sein Problem ist in diesen Tagen, dass Aktienleihen eine recht transparente Angelegenheit sind. Es braucht nicht viel, um herauszufinden, welche Unternehmen derzeit ganz oben auf der Liste der Leerverkäufer stehen.

Robin Hood gegen den Sheriff von Nottingham

Und wenn sich dann eine Gruppe, eine große Gruppe, zusammentut und verabredet, die Aktien eines solchen Unternehmens zu kaufen, um damit die Kurse nach oben zu treiben, werden die Leerverkäufer gezwungen, sich zu höheren Kursen einzudecken, was die Kurse weiter nach oben treibt - und immer weiter. So wie in diesen Tagen zu beobachten ist.

Die große Gruppe derer, die den Leerverkäufern ein Schnippchen zu schlagen hofft, verabredet sich heute auf Internetplattformen wie reddit.com. US-Amerikaner, Europäer, Asiaten. Viele Privatanleger darunter, aber nicht nur. Eine konzertierte globalisierte Aktion.

In einigen Medien wird ihre Wette gegen die Wette der Leerverkäufer gefeiert. Als demokratisierte Spekulation gegen die bösen Hedgefonds. Die vielen "kleinen Männer und Frauen" gegen das chronisch gierige Wall-Street-Establishment. Robin Hood gegen den Sheriff von Nottingham. Ein perfektes Schwarz-Weiß-Gemälde, bei dem die Schattierungen allzu gerne und schnell verloren gehen.

Wir sind in den vergangenen Tagen oft gefragt worden, was wir denn von diesem Trend, diesem Phänomen halten.

Wir halten uns vor allem zurück. Auch was die moralische Bewertung des Ganzen betrifft. Leerverkäufer mögen nicht gerade zimperlich vorgehen. Und ja, dem ein oder anderem tut ein Dämpfer möglicherweise mal ganz gut. Letztlich erfüllen aber auch sie eine nicht unwichtige Funktion für den Kapitalmarkt: sie weisen auf Missstände in einzelnen Unternehmen und Branchen hin - einerseits.

Andererseits ist Robin Hood möglicherweise nicht der gute Anleger, den wir dankbar in ihm sehen wollen, zumal unter den "Kleinen" auch "Große" sind, andere Hedgefonds. Vielleicht geht es den Angreifern viel weniger um das Unternehmen, dessen Aktien sie kaufen, als vielmehr um den schnellen Gewinn? Dass sie dabei noch den ein oder anderen bekannten Hedgefonds ärgern - umso besser. Eine schöne Geschichte. Auch das wollen wir nicht weiter bewerten oder gar verurteilen. Aber wir können das Phänomen einordnen in einen größeren Kontext.

Wir leihen und verleihen keine Aktien!

Covid-19 hat die Kapitalmärkte in den vergangenen Monaten bewegt, vorsichtig ausgedrückt. Auf den Crash im März 2020 folgte eine ebenso bemerkenswerte Rally. Beides innerhalb kürzester Zeit. Vergleichbares hatte es zuvor nicht gegeben.

Die kräftigen Kursschwankungen haben den ein oder anderen Glücksritter angelockt, von der Langeweile des endlos scheinenden Lockdowns geplagt und nach Abwechslung und Adrenalin suchend. Spekulieren statt Investieren. Es lockt einmal mehr der ewige Traum vom schnellen Geld!

Die zuvor beschriebenen Kurskapriolen sind ein Ausdruck dessen. Ebenso die Flut sogenannter SPACs (Abkürzung für Special Purpose Acquisition Companies); Mantelgesellschaften, die als leere Hüllen an die Börse gehen, um die eingesammelten Gelder in noch nicht börsennotierte Unternehmen zu investieren. Von den rund 180 Milliarden US-Dollar, die im vergangenen Jahr in den USA durch Erstemissionen an der Börse eingesammelt wurden, entfiel rund die Hälfte auf solche - nennen wir sie: Blankochecks.

Oft sind das Unternehmen, die kaum Umsätze, geschweige denn Gewinne erzielen. In manchen Fällen gibt es nicht einmal ein Produkt! Anleger kaufen also ein Versprechen. Mehr nicht. Trotzdem greifen sie beherzt zu.

Wir dagegen verstehen uns als langfristig denkende Investoren, den Kauf einer Aktie als Beteiligung an einem Unternehmen; nicht als Lottoschein mit der Aussicht auf den schnellen Gewinn.

Wir verkaufen weder Aktien leer noch verleihen wir Aktien an Investoren, die genau das dann tun. Und wir laufen auch keinen Trends hinterher, auch wenn sie noch so beeindruckend auf das Publikum wirken.

Uns interessieren die guten Unternehmen

Denn eines ist auch klar: Ein anfälliges Unternehmen bleibt ein anfälliges Unternehmen, sofern es sich nicht grundlegend ändert. Der vorübergehende Kurshype ändert daran nichts. Eher früher als später wird der verzerrte Blick des Marktes auf das Unternehmen einem realistischeren weichen. Anders ausgedrückt: Es braucht keinen Propheten, um zu erahnen, in welche Richtung sich der Aktienkurs irgendwann bewegen wird ...

Uns interessieren daher die guten Unternehmen, die robusten Geschäftsmodelle. Allen voran die, deren Qualität der Markt unseres Erachtens eben (noch) nicht ausreichend würdigt.

Das ist und bleibt unser Ansatz.

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Binder Manfred, MLS

allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger

Quelle: Flossbach von Storch

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